Skip to content
Alles über die Arbeitswelt

Der Anstaltsdirektor — ein verschwundener Beruf

Der Anstaltsdirektor (ca. 1810er–1960er) — Ein einzelner Arzt leitete oft eine ganze Verwahranstalt mit Hunderten oder Tausenden Patienten und kontrollierte Aufnahme, Entlassung, Personal und Tagesablauf mit nahezu uneingeschränkter Autorität. Die Deinstitutionalisierung ab den 1960er Jahren, angetr

Der Anstaltsdirektor existiert nicht mehr als lebendiger Beruf. Hier, was ihn ausgelöscht hat, und welcher Beruf die Arbeit übernommen hat.

ca. 1810er–1960er

Ein einzelner Arzt leitete oft eine ganze Verwahranstalt mit Hunderten oder Tausenden Patienten und kontrollierte Aufnahme, Entlassung, Personal und Tagesablauf mit nahezu uneingeschränkter Autorität. Die Deinstitutionalisierung ab den 1960er Jahren, angetrieben durch Antipsychotika und schrumpfende öffentliche Anstaltsbudgets, löste die meisten dieser Einrichtungen auf und mit ihnen die Rolle, eine solche zu leiten.

1247–1792

Das Zeitalter der Verwahrung

Über fünf Jahrhunderte hinweg behandelten die meisten Gesellschaften schwere psychische Erkrankungen durch Verwahrung statt Behandlung: Familienkeller, kirchlich geführte Armenhäuser und zunehmend eigene Einrichtungen wie Bethlem in London oder das Hôpital général in Paris, das bis 1656 Arme, Kriminelle und Geisteskranke unter einem Dach beherbergte. Körperliche Fesselung – Ketten, Zwangsjacken, Käfige – war gängige Praxis, gerechtfertigt durch den Glauben, die Geisteskranken empfänden weder Kälte, Schmerz noch Scham.

Was damals sonst passierte

1793 Im Bicêtre fallen die Ketten

Der Arzt Philippe Pinel entfernt, aufbauend auf Jahren stiller Reformarbeit des Oberpflegers Jean-Baptiste Pussin, eiserne Fesseln von Patienten im Pariser Bicêtre-Krankenhaus und argumentiert öffentlich, die Geisteskranken seien krank, nicht kriminell oder besessen – der symbolische Beginn der „moralischen Behandlung“.

1808 Das Wort „Psychiatrie“ wird geprägt

Der deutsche Arzt Johann Christian Reil führt den Begriff „Psychiatrie“ in einem in Halle veröffentlichten Zeitschriftenartikel ein und schlägt vor, dass die Behandlung der Psyche eine eigene medizinische Fachrichtung erfordere, getrennt von allgemeiner Medizin und Chirurgie.

1899 Kraepelin teilt die Psychose in zwei Krankheiten

Die sechste Auflage von Emil Kraepelins Lehrbuch, gestützt auf Jahre der Verlaufsbeobachtung von Patienten in Heidelberg, unterscheidet die Dementia praecox – die sich zunehmend verschlimmerte – vom manisch-depressiven Irresein, das in erholbaren Episoden auftrat; die Trennung ist heute noch als Schizophrenie und bipolare Störung erkennbar.

1900 Freud veröffentlicht Die Traumdeutung

Sigmund Freuds Buch, auf dem Titelblatt mit 1900 datiert, obwohl es Ende 1899 in Wien erschien, argumentiert, dass Träume unbewusste Wünsche offenbaren, und legt das theoretische Fundament der Psychoanalyse, die die psychiatrische Theorie in Europa und Nordamerika für das nächste halbe Jahrhundert prägen sollte.

Wo diese Arbeit heute lebt

Diagnostiziert und behandelt psychische Erkrankungen mit Medikamenten und Therapie – eine der wenigen medizinischen Fachrichtungen mit der gesetzlichen Befugnis, Patienten in der Krise gegen ihren Willen unterzubringen.

🧠 Psychiater/in →

Weitere verschwundene Berufe

Berufe, die verschwunden sind →